Das Baugewerbe ist eine der am wenigsten digitalisierten Branchen der Welt, was hauptsächlich auf die Herausforderungen und die Komplexität der Lieferkette zurückzuführen ist. Während die digitale Revolution die Welt im Sturm erobert und strukturelle Veränderungen auf eine schnelle Digitalisierung drängen, reagiert die Industrie bisher relativ langsam. Die Veröffentlichung der ersten Teile der ISO 19650 wird dies wohl ändern: die im ersten Quartal 2019 veröffentlichten neuen Normen sind erste Schritte, um digitale Lücken in Bauprozessen zu schließen.

Die Einbeziehung von Produktherstellern ist ein wichtiger Bestandteil bei der Planung und Errichtung moderner Gebäude. Während dies für Projektentwickler bereits seit langer Zeit selbstverständlich ist, hat sich die Bauwirtschaft noch nicht vollständig auf klar definierte digitale Prozesse auf Basis internationaler Standards eingestellt.

Auswirkungen der ISO 19650 auf die Industrie

Die ISO 19650 trägt den etwas sperrigen Namen „Organisation und Digitalisierung von Informationen zu Bauwerken und Ingenieurleistungen, einschließlich Bauwerksinformationsmodellierung (BIM)“.

Es handelt sich um eine Serie, bestehend aus fünf Teilen, die sich alle mit Informationsmanagement und der Zusammenarbeit bei Bauprozessen befassen. Die ersten beiden Teile mit dem Titel „Begriffe und Grundsätze“ sowie „Planungs-, Bau- und Inbetriebnahmephase“ sind nun verfügbar.

Die Einführung der ISO 19650 wird sich auf drei verschiedene Arten auf die Bauzulieferindustrie auswirken:

Die Einschätzungen von dormakaba-Experten aus verschiedenen Teilen der Welt bestätigen die Sinnhaftigkeit der durch die ISO 19650 eingeleiteten Maßnahmen:

Projektbeteiligte wie Kunden, Berater, Auftragnehmer, Betreiber und Gebäudemanagement-Firmen möchten BIM für die Projektarbeit nutzen. Da es jedoch weltweit Hunderte von Normen und Richtlinien für BIM gibt, steckt die größte Herausforderung darin, die richtige Methodik, Norm und Technologie auszuwählen, die in BIM übernommen werden soll.

Ganeshkumar Andavar, BIM Spezialist & Architektenberater bei dormakaba Golfstaaten

Ganeshkumar Andavar glaubt, dass die neuen Normen der Branche auf vielfältige Art und Weise zugute kommen werden und geeignet sind, die Konjunktur anzukurbeln, so dass die Sparte gesamtheitlich aufgewertet wird. Andavar beschreibt die unterschiedlichen Sichtweisen auf BIM:

Die ISO 19650 deckt all diese Aspekte ab. Sie führt alle Normen in einer einzigen Informationsquelle zusammen, so dass für alle Beteiligten ihr jeweiliger Arbeitsbereich in BIM klar und deutlich ersichtlich ist und sie in der Lage sind, damit effektiv zu planen, zu bauen und zu betreiben.

Laut Rick Ruppert aus Indiana, USA, hat der Einsatz von BIM-Programmen vor allem 2D-CAD zur Erstellung der Dokumentation der Gebäudeplanung abgelöst.

Rupert betont, dass BIM viel mehr nicht-grafische Informationen für die Spezifizierung, Kalkulation und laufende Planung des Gebäudemanagements liefert – und zwar über alle das Gebäude betreffende Fachbereiche hinweg. Die weltweit angewandten Standards ändern sich zu langsam, um mit den sich immer schneller vollziehenden Änderungen durch die Digitalisierung Schritt zu halten.

Selbst nach zwanzig Jahren BIM-Nutzung sei kein einziger gemeinsamer Prozess entstanden. Vielmehr würden heute zu viele Normen miteinander konkurrieren, betont Ruppert, der als Architektenberater bei dormakaba USA tätig ist.

Die Einführung des ISO 19650 Informationsmanagements mit Hilfe von BIM kann diese Situation möglicherweise ändern, prognostiziert Ruppert.

„Ich glaube, durch die Zusammenarbeit unserer global agierenden Digitalisierungsspezialisten kann dormakaba bei neuen Projekten diese Standards erfüllen. Das Ganze dann mit unseren Kunden in der Praxis umzusetzen, wird die größere Herausforderung sein, da wir nicht einschätzen können, in welchem Ausmaß Kunden und Auftragnehmer die Norm ISO 19650 anwenden werden. Aber wir können uns ja darauf vorbereiten.“

Für Marius Priebe aus Deutschland ist die ISO 19650 ein weiterer wichtiger Schritt zur Standardisierung und Digitalisierung der Bauwirtschaft. Priebe glaubt, dass insbesondere der DACH-Markt (Deutschland, Österreich, Schweiz) von einem allgemein anerkannten Standard profitieren wird.

In vielen Bereichen ist Europa bereits zu einer echten Einheit geworden. Bei BIM und digitalen Prozessen sind die einzelnen Länder jedoch nach wie vor sehr unterschiedlich unterwegs.

Marius Priebe, Marketing Solutions bei dormakaba Deutschland

„Es gibt enorme Unterschiede in Bezug auf die Akzeptanz von BIM, sowie bei den Normen und Vorschriften. Ich hoffe, dass durch die Einführung der ISO 19650 und deren Übernahme in nationales Recht (wie beispielsweise die DIN EN ISO) eine Harmonisierung stattfindet und die Situation im europäischen Raum damit ausgeglichener und vorhersehbarer wird. Aktuell sind wir bereits auf einem guten Weg, dies zu erreichen“, ergänzt Marius Priebe.

Andernfalls wird es nach Ansicht von Priebe für europäische Unternehmen schwer werden, effektiv auf die globalen Herausforderungen zu reagieren.

Ausblick

Die Veröffentlichung der ersten Teile der ISO 19650 ist ein bedeutender Schritt für die Bauindustrie, um sicherzustellen, dass sie von ihrem Ruf als am wenigsten digitalisierter Sektor nunmehr abweicht und Innovationen fördert. Das Normenwerk bietet eine gemeinsame, globale Richtlinie für die Durchführung von BIM-Projekten. Obwohl dies die Hersteller von Bauprodukten nicht direkt betrifft, schafft es die Grundlage für einen effektiven, nahtlosen digitalen Prozess unter Einbeziehung aller relevanten Akteure. Die Hersteller müssen auf diese Entwicklung vorbereitet sein, denn die Kunden sind es bereits.

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