Als Natalie de Blois (1921-2013) 1944 ihr Architekturstudium an der Columbia University abschloss, gab es in den Vereinigten Staaten nur eine Handvoll Frauen, die eine nennenswerte Karriere in der Architektur vorweisen konnte.

Da sie ihre berufliche Laufbahn in der so genannten „Mad Men Ära“ der Architektur begann, ist es nicht verwunderlich, dass ihr einmal ein Job gekündigt wurde, weil ein männlicher Kollege ihre Anwesenheit angeblich als Ablenkung von der Arbeit empfand.

Das New York der Nachkriegszeit gestalten

Nachdem sie beim berühmten Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) angefangen hatte, stieg de Blois jedoch schnell auf und schuf ikonische Gebäude, die die Architektur der Nachkriegszeit und das Zentrum Manhattans prägten.

In ihrer fünf Jahrzehnte währenden Karriere war de Blois an der Gestaltung zahlreicher bemerkenswerter Projekte – beispielsweise der New Yorker Wahrzeichen der 1950er und 1960er Jahre – maßgeblich beteiligt.

Einige ihrer Gebäude zählen zu den schönsten Beispielen des kommerziellen Modernismus, wie das Lever House, der Hauptsitz der Pepsi-Cola Corporation, der Hauptsitz der Connecticut General Life Insurance Company und der Hauptsitz der Union Carbide Corporation.

Ihren Stil bezeichnete man als luxuriösen und eleganten Modernismus, und bis heute gehören einige ihrer Gebäude zu den höchsten, die von einer Architektin entworfen wurden.

Berufliche Entwicklung in der „Mad Men„-Ära der Architektur

Doch auch wenn de Blois sich längst als Superstar bei SOM etabliert hatte, sah sie sich aufgrund ihres Geschlechts immer wieder mit Problemen am Arbeitsplatz konfrontiert. Sie erinnerte sich daran, dass männliche Kollegen in den Mittagspausen mit den Kunden von SOM in reine Herrenclubs gingen, um Kontakte zu knüpfen und sich zu unterhalten, und dass sie nicht dabei sein durfte. Einmal wurde sie aufgefordert, nicht an einer Einweihungsfeier teilzunehmen, weil sie schwanger war. Zudem kommentierten ihre männlichen Kollegen häufig ihr Aussehen und ihre Kleidung. Ein anderes Mal äußerte Gordon Bunshaft, einer der Partner bei SOM, ihr gegenüber: „Du kannst nicht zu dem Treffen kommen, wenn du nicht zuerst nach Hause gehst und dich umziehst. Ich mag Grün nicht.“

Grün erwies sich jedoch als Glücksfarbe für de Blois. Der 1960 erbaute Hauptsitz der Pepsi-Cola Corporation wurde von der Kritik für seine edelsteinartig anmutende und beinahe schwebend wirkende Außenfassade aus grau-grünem Glas und Aluminium gefeiert. Das Gebäude wurde 1995 zum Wahrzeichen von New York City ernannt.

Von 1980 bis 1993 war sie außerdem Professorin für Architektur an der Universität von Texas. Als ausgesprochene Verfechterin von Frauen in der Architektur hinterließ sie ein Vermächtnis und ebnete den Weg dafür, dass Architektinnen als gleichberechtigte und kompetente Fachleute anerkannt werden, statt als „Frau Architekt„.

„Eine Architektin, deren Arbeit herausstach, auch wenn sie selbst es nicht tat“

Nach ihrem Tod im Jahr 2013 wurde de Blois in einem Nachruf in der New York Times als „Architektin, deren Arbeit herausstach, auch wenn sie selbst es nicht tat“ bezeichnet.

Beverly Willis, die Gründerin und Vorsitzende der Beverly Willis Architecture Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Bewusstsein für die Rolle der Frau im Bauwesen zu schärfen, schrieb in diesem Nachruf, dass es zu dieser Zeit keine einzige Frau gab, die für ein renommiertes Unternehmen wie SOM arbeitete.

Willis fügte hinzu: „Und natürlich hat Natalie größere Gebäude gebaut, und zwar im Herzen von Manhattan. Das waren berühmte Gebäude, die von der Presse mit Lob überschüttet wurden, aber Natalies Name wurde nie erwähnt.“

Die Kollegen von Natalie de Blois kannten ihre Talente sehr wohl. In einer Autobiografie von 1974 beschrieb Nathaniel Owings, einer der Gründer von SOM, Natalie de Blois folgendermaßen: „Ihr Verstand und ihre Hände erschufen wahre Designwunder – und nur sie und Gott werden jemals wissen, wie viele großartige Lösungen, die den Stempel eines der männlichen Helden von SOM trugen, ihr zu verdanken waren, auch wenn sie ihr weder von SOM noch von den Auftraggebern zugeschrieben wurden.“

Ein fehlgeleiteter Pritzker-Preis

Die Exzellenz ihrer Entwürfe wurde auch von anderen erkannt – und auch zum eigenen Vorteil genutzt: Natalie de Blois‘ Geschäftspartner Gordon Bunshaft wurde später nachgesagt, dass er die Lorbeeren für ihre gemeinsame Arbeit alleine geerntet habe.

https://architectuul.com/architect/natalie-de-blois

Als Bunshaft schließlich 1988 den Pritzker-Preis, auch bekannt als „Oscar der Architektur„, gewann, beschrieb das Preiskomitee das Lever House wie folgt: „Es sagt alles, was gesagt werden kann, filigran, präzise, elegant, mit Oberflächen aus Glas, mit Rippen aus Stahl … eine tadellose Leistung.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert