„Ausdrucksstark, unerschrocken und ihrer Zeit voraus, wenn es um ökologisches und partizipatives Design geht“ – mit diesen Worten beschreibt The Architectural Review Minnette De Silva, die weithin als erste Architektin Sri Lankas und als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der modernen Architektur Südasiens gilt.

Minnette De Silva wurde 1918 – dreißig Jahre bevor das Land die Unabhängigkeit vom britischen Empire erlangte – in Kandy, Sri Lanka, geboren. Als Tochter eines reformorientierten Politikers und einer Suffragette, die mit der Architekturlegende Le Corbusier befreundet waren, wuchs De Silva in einem kulturell privilegierten Umfeld auf.

Obwohl ihr Vater ihren Wunsch, Architektin zu werden, nicht unterstützte, zog sie nach Mumbai und anschließend nach London, wo sie die Architectural Association School of Architecture besuchte.

Während ihres Aufenthalts im Europa der Nachkriegszeit kam De Silva mit der Intelligenzija und einigen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zusammen, darunter Picasso, Henri Cartier-Bresson und Laurence Olivier. Sie war die erste asiatische Frau, die Mitglied des Royal Institute of British Architects wurde. Dennoch hatte sie es laut The Guardian schwer, in Europa als Architektin ernst genommen zu werden, und wurde oft als „exotisches It-Girl“ betrachtet.

Ihr Wirken als Begründerin der „tropischen Moderne“

Als Sri Lanka 1948 unabhängig wurde, kehrte De Silva in ihr Heimatland zurück und eröffnete ihr eigenes Architekturbüro, um den Wiederaufbau der postkolonialen Nation zu unterstützen.

De Silva etablierte sich schnell als Pionierin bei der Einführung modernistischer Architekturprinzipien in Sri Lanka in den 1950er und 1960er Jahren. Sie war der Meinung, dass die Architektur an die lokalen Bedürfnisse und Bedingungen angepasst werden sollte, statt einfach nur westliche Stile zu imitieren. Sie entwarf eine Reihe wichtiger Gebäude in Sri Lanka, darunter Privathäuser, öffentliche Gebäude und Hotels.

De Silvas Stil wird heute als „tropische Moderne“ bezeichnet, und sie gilt als eine der wichtigsten Architektinnen dieses Stils, der auf die einzigartigen Umwelt- und Klimabedingungen tropischer Regionen eingeht.

Prägend für die Identität einer postkolonialen Nation

Zu ihren bekanntesten Entwürfen gehören die Independence Memorial Hall, das Kandalama Hotel, der buddhistische Tempel Shanthi Viharaya, der Crescat Boulevard und das Turret House.

Diese Entwürfe zeichnen sich durch eine Kombination traditioneller sri-lankischer Elemente, wie Innenhöfe und Veranden, mit modernistischen Elementen in Form von klaren Linien, Flachdächern und großen Fenstern aus.

Die Gebäude von De Silva vermitteln häufig ein Gefühl von Offenheit und Fluidität, da die Räume nahtlos ineinander übergehen. Sie sind in der Regel offen und luftig gestaltet, mit großen Fenstern und natürlichen Belüftungssystemen, die zur Kühlung der Innenräume beitragen.

Jahrzehnte bevor der Klimawandel und die negativen Umweltauswirkungen von Baumaterialien zum Thema wurden, entwarf De Silva umweltfreundliche Gebäude unter Verwendung lokaler Materialien und traditioneller Bautechniken.

Neben ihrer architektonischen Arbeit setzte sich De Silva auch für die Erhaltung des architektonischen Erbes Sri Lankas ein, in dem 300 Jahre Kolonialismus tiefe Spuren hinterlassen hatten. Sie war Gründungsmitglied des National Trust of Sri Lanka und setzte sich unermüdlich für den Erhalt historischer Gebäude und Denkmäler in ganz Sri Lanka ein.

Bahnbrechendes Konzept für partizipative Architektur

Obwohl De Silva aus privilegierten Verhältnissen stammte, war ihr Ansatz für partizipative Architektur ihrer Zeit voraus. In den 1950er Jahren arbeitete sie an einem Projekt zur Entwicklung von Wohnungen für Beamte in ihrer Heimatstadt Kandy, der zweitgrößten Stadt Sri Lankas.

Dieses Projekt war insofern bemerkenswert, als De Silva die künftigen Bewohner in den Entwurfsprozess einbezog, indem sie sich mit ihnen beriet, um ihre spezifischen Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen. Auf der Grundlage dieser Informationen entwarf sie verschiedene Arten von Wohneinheiten, und einige der Bewohner beteiligten sich sogar am Bau ihrer eigenen Häuser. Dies war eine bahnbrechende Entwicklung auf dem Gebiet der Architektur.

Tragische letzte Jahre und posthume Würdigung

Obwohl De Silva die postkoloniale Ära in Sri Lanka neu definierte und zum Aufbau einer modernen sri-lankischen Identität beitrug, war ihre Karriere von finanziellen Schwierigkeiten und Diskriminierung geprägt. Sie war von beruflichen Netzwerken und Chancen ausgeschlossen und wurde von ihren männlichen Kollegen oft ausgegrenzt und übergangen.

Zu einer Zeit, als der Beruf des Architekten in Sri Lanka noch in den Kinderschuhen steckte, galt De Silvas Arbeit zudem als unkonventionell für ihre Zeit, und ihre Entwürfe wurden bisweilen als zu avantgardistisch kritisiert.

Als De Silva im Alter von 80 Jahren allein in einem Krankenhaus in ihrer Heimatstadt Kandy starb, war sie mittellos und isoliert, und viele ihrer Gebäude verfielen.

In den letzten Jahren wurden De Silvas Beiträge zu Architektur und Design jedoch zunehmend gewürdigt, und sie gilt heute weithin als Pionierin der modernistischen Architektur in Sri Lanka und als eine der ersten Architektinnen aus Asien, die international Anerkennung fand.

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